TAI CHI CHUAN bewegung

Achtsam - Verbunden - Sanft

 

Der Begriff „Chuan“ (Quan) in Tai Chi Chuan bedeutet wörtlich „Faust“ oder auch „leere Faust“. Die letztere Bezeichnung ist treffender, weil sie das Zusammenwirken von Yin & Yang wiedergibt: Leere und Form, Bewegung und Ruhe, Weichheit und Härte.

 

„Chuan“ ist daher kein Zustand, sondern ein Prozess, keine Form, sondern eine Bewegung. Steigen und Sinken, Öffnen und Schließen, Vordringen und Zurückziehen erzeugen eine Dynamik, in der jede Einzelbewegung alle anderen ergänzt, durchdringt und fördert. Mit "Chuan" ist im Tai Chi letztlich der ganze Körper gemeint, der einer inneren Spur (Dao) folgend veränderliche Spuren im Raum hinterlässt.


„Chuan“ bedeutet auch Bewegungsform und steht daher für die besondere Übungsweise des Tai Chi Chuan. Das Üben allein in einer sinnvoll abgestimmten Sequenz (Handform), mit der Waffe (Schwert, Säbel, Lanze) und mit einem Partner (Schiebende Hände) ist das wohl auffälligste Merkmal dieser Kunst.

 

Sollte man sich auf drei elementare Eigenschaften des Tai Chi Chuan besinnen, wären es wohl folgende: Achtsamkeit, Verbundenheit und Sanftheit. Diese stehen nicht jede für sich, sondern sind untrennbar miteinander verbunden. Denn ohne Sanftheit gibt es keine Verbundenheit, ohne Verbundenheit keine Achtsamkeit und ohne Achtsamkeit keine Sanftheit.

 

Zur Achtsamkeit heißt es bei Wu Yuxiang:


„Bewegst du dich nicht, sei still wie ein Berg, bewegst du dich, sei gelöst wie ein Strom. Sammle Kraft, als spanntest du einen Bogen, und setzte sie ein, als schnelltest du einen Pfeil ab.“ (Wu Yuxiang, 19. Jh., übers. Wolfgang Höhn) 

 

Zur Verbundenheit heißt es bei Zhang Sanfeng:


 „Die Energie (jin) Wurzelt in den Füßen, entwickelt sich in den Beinen, wird von den Hüften gelenkt  und wirkt durch die Finger. Von den Füßen zu den Beinen, von den Beinen zu den Hüften sollte sich alles als Einheit bewegen“. (Zhang Sanfeng, übers. Wolfgang Höhn) 

 

Zur Sanftheit heißt es bei Wu Yuxiang:


 „Schreite voran wie eine Katze und gehe mit der Energie um, als zögest du einen seidenen Faden aus dem Kokon.“ (Wu Yuxiang, 19. Jh., übers. Wolfgang Höhn)

 

 

Die Tai Chi-Formen werden in den drei Variationen des großen, kleinen und mittleren Rahmens gelaufen. Zwischen den dynamischen Techniken des großen, der zentrierten Bewegung des kleinen und dem gelösten Ausdruck des mittleren Rahmens sind die Übergänge fließend.

 

M. Feldenkrais beschreibt „Bewusstheit durch Bewegung" als einen Prozess, in dem der Mensch - befreit von gewohnten Mustern - lernt, zwischen mindestens drei Möglichkeiten frei zu wählen. Der Formenlauf ist daher kein bloßes Nachahmen, sondern ein kreativer Prozess, keine schematische Übung, sondern ein konzentriertes Bewegungsspiel.

 

Wir lernen, indem wir uns mit jedem einzelnen  Aspekt der Form verbinden und unsere Antworten auf die hiermit verbundenen Wahrnehmungen, Gefühle und Bewegungen variieren. Leben ist Bewegung und bewusste Bewegung die Freiheit der Wahl.

 

Solche Bewegungen stellen sich in jeder Situation spontan ein. Sie folgen der Tendenz des Nervensystems, Odnungen herzustellen und geschehen am besten im gelösten Zustand. Diesen erreichen wir, wenn wir die Anstrengung vermindern, um unsere Sensibilität zu erhöhen, d.h. uns besser organisieren.

 

Ein verspannter Muskel kann nicht fühlen. Erst in der Verbindung zwischen Innehalten, Entspannen und Lösen eröffnet sich ein Weg zurück zu jenen Bewegungen, die einfach, natürlich und selbstverständlich sind.


 

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