Die Seidenübungen (Chansi Gong) bilden die Grundlage der verbundenen Bewegungsfolgen im Tai Chi Chuan. Ihr Name leitet sich ab vom Vorgang der Verpuppung einer Seidenraupe und der Art wie man Seide aus dem Kokon zieht. Man spricht daher von Seide ziehender oder umwickelnder Bewegung bzw. Kraft.
Ihre Gestalt folgt den allgemeinen Gesetzmäßigkeiten menschlicher Bewegung. Zunächst erlaubt das komplexe Zusammenspiel von Kopf, Rumpf und Gliedmaßen fünf charakteristische Formen:
Diese beruhen auf anatomischen Besonderheiten der Gelenkstruktur, die drei Möglichkeiten erlaubt: (1) rotierend, wobei sich der Körperteil um seine Achse dreht, (2) zirkulierend, d.h. in einer pendelförmigen Bewegung und (3) kreisend, wobei die Bewegung eine Ebene schafft.
Jeder Körperteil kann um den Mittelpunkt, den sein Gelenk bildet, nur eine kreisende (genauer: elliptische) Bewegung ziehen. Aufgrund der Dreidimensionalität der Gelenke entspricht die Gesamtsumme der Bewegungen eines Körperteils nicht einem Kreis, sondern einer Kugel.
Die komplexe Struktur des menschlichen Skeletts bildet die Basis für das koordinierte Zusammenwirken der Körperteile. Während die Knorpelgelenke der Wirbelsäule die Körperhaltung bestimmen, legen die aus Kopf und Pfanne bestehenden Schulter- und Hüftgelenke die Richtung der Extremitäten fest. Die als Dreh- und Scharniergelenke wirkenden Ellbogen und Knie übertragen das Gewicht und bestimmen die Reichweite. Die elliptischen und ebenen Formen der Hand- und Sprunggelenke dienen der Druckverteilung, sodass die Scharnier- und Sattelgelenke der Finger- und Zehen eine genaue Manipulation und Artikulation im Raum erlauben.
Ihre räumliche Ordnung entspricht der Geometrie von Punkt, Linie und Kreis, die nicht nur die Form einer Bewegung bestimmen, sondern auch die räumliche Perspektive der bewegenden Person widerspiegeln. Denn der Bewegende kann den Mittelpunkt des Raumes einnehmen (Punkt), denselben durchqueren (Linie) oder ihn von außen her umgehen (Kreis). Punkt, Linie und Kreis sind idealtypische Formen, in der Bewegung erscheinen sie mehr als Tupfer, Welle und Spirale.
Bewegungen werden hierbei von drei möglichen Raumantrieben bestimmt. Der Körper und jedes seiner Teile können steigen oder sinken, vordringen oder zurückziehen, öffnen oder schließen. Es handelt sich um wellenartige Fließbewegungen, deren spiralige Form wachsen oder schrumpfen kann.
Die Spiralmuster des Tai Chi Chuan sind im Grunde ein Abbild dieser raum-zeitlichen Bewegung.